Paul Ernst Ruppel

Nachruf von Hartmut Handt

Paul Ernst Ruppel war ein großer Meister der kleinen Form. Seine Entdeckungen und Erkenntnisse im musikalischen und textlichen Bereich setzten immer wieder in Erstaunen. Was er in den letzten Jahren geschrieben hat, ist sparsam, sehr konzentriert, kein Ton ist zu viel; es ist alles andere als modischem Sound und aufwändiger Verpackung verpflichtet, wie sie heute üblich sind. Trotzdem spürt man, wie wach der Komponist musikalische Entwicklungen bis zuletzt wahrnahm und verarbeitete. Über Jahrzehnte hin hat er als Bundessingwart und Kantor des Christlichen Sängerbundes (CS) Sängerinnen und Sänger geprägt. Wie viele haben bei ihm das Dirigieren und den Umgang mit Chormusik gelernt, entdeckt, wie eng Musik und Text aufeinander bezogen sein können, wie sie in der Komposition aufzufinden und in der Interpretation hörbar zu machen sind! Das von ihm herausgegebene „Chorleiterbuch“ ist ein Standardwerk geworden. Per, wie er landauf, landab genannt wird, hat Noten veröffentlicht, Junge und Alte gefördert und auf vielfältige Weise Gemeinden zum Singen angeleitet. Dies war die wesentliche Zielsetzung seiner Arbeit, wie es auch in der Benennung „Verlag Singende Gemeinde“ für den Verlag des CS zum Ausdruck kam. Manche seiner Kompositionen werden in aller Welt gesungen. Wer kennt nicht „Vom Aufgang der Sonne“ oder „Gleichwie mich mein Vater gesandt hat“ und „Erd und Himmel sollen singen“!? Trotz der enormen Wirkung seiner Musik und seiner Persönlichkeit hat Ruppel die große Öffentlichkeit immer eher gemieden. Er ruhte in sich und seinem Glauben. Am 27. November starb er im Alter von 93 Jahren. Wir verneigen uns vor ihm in Dankbarkeit.

Hartmut Handt

(Bei Abdruck Beleg erbeten.)


Nachruf von Gerhard P. Michael

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn.

Das Leben unseres hoch verehrten und geliebten Kantors im Christlichen Sängerbund ist unerwartet und still zu Ende gegangen. „Den Namen des Herrn zu loben“ und das ganze Leben mit allen seinen Facetten „vom Anfang bis zum Ende“ dem Lob Gottes einzuordnen, dies war sein vornehmliches Anliegen, das er uns Chorsängern und Chorleitern in jahrzehntelanger hingebungsvoller Arbeit als Singleiter, Chorleiter, Pädagoge, Lehrer und Komponist nahe gebracht und vermittelt hat. Mit großer Dankbarkeit schauen wir auf sein begnadetes Leben zurück, das uns in vielfältiger Weise zum Segen geworden ist.

Charakteristisch dafür war bei Paul Ernst Ruppel die nahtlose Verschmelzung von hohem fachlichem Anspruch mit gediegener, zunehmend abgeklärter Einfachheit in den musikalischen Ausdrucksmitteln und spiritueller Tiefe. Für die vielen, die ihm in Singwochen oder bei Chorleitungsseminaren begegnet sind, unvergesslich sein Charisma, bei der Vermittlung von Chormusik mit wenigen Worten die Bedeutung von Texten, von Melodien oder kontrapunktischen Zusammenhängen zu erschließen und dabei theologisch-geistliche Tiefen aufleuchten zu lassen. Das bei ihm zu erleben, hat viele sowohl beglückt und bereichert als sie auch für den eigenen Dienst als Chorleiterin oder Chorleiter gestärkt und befähigt.

Musik studiert hat Paul Ernst Ruppel in Stuttgart, vor allem bei Hermann Reutter und Hugo Distler. Dessen Auffassung von Chorarbeit und Komposition hat ihn entscheidend geprägt; eine Art Urerfahrung war für ihn damals die Choralmotette von Hugo Distler „Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte“.

1936 wurde Paul Ernst Ruppel zum Bundessingwart des Christlichen Sängerbundes berufen. Dieses Amt hatte er rund vierzig Jahre, bis 1977, und seitdem war er – ganz im Hintergrund – ein stiller, verlässlicher und als Komponist unverzichtbarer Mitarbeiter. In diesem Zusammenhang sei deswegen hingewiesen auf sein wesentliches Mitwirken
bei der musikalischen Ausrichtung und Gestaltung des freikirchlichen Gesangbuchs „Gemeindelieder“ (erschienen 1978).

Die Fülle des Wirkens von Paul Ernst Ruppel lässt sich hier nur andeuten. Er hat die Chorarbeit im Christlichen Sängerbund über Jahrzehnte entscheidend geprägt, zum einen durch praktische Chorleitung und umfangreiche Schulungsarbeit, zum anderen auch durch Vorträge, durch die Tätigkeit als Schriftleiter der Sänger- sowie Chorleiter-Zeitschriften des CS, durch vielfältige Beiträge zur Interpretation geistlicher Musik und ihrem Stellenwert oder ihrer Funktion im Gottesdienst, ferner durch die Herausgabe vieler Chorausgaben und nicht zuletzt als Komponist nahezu unzähliger Chorlieder, Singsprüche, Kanons, Motetten und Kantaten, gelegentlich auch Orgel- und Klavierstücke. Es gibt ja kaum eine Stadt, in die ihn seine Reisedienste nicht geführt hätten, um Chöre zu fördern und Chorleiter fortzubilden und für ihren Dienst zu ermutigen.

Über unser Chorwerk hinaus war Paul Ernst Ruppel in einer Reihe kirchenmusikalischer Arbeitskreise als erfahrener und überaus kompetenter Mitarbeiter geschätzt , so vor allem in der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut. Lange ist es her, dass er als Kantor bei Kirchentagen mitgewirkt hat. Das Evangelische Gesangbuch hat von keinem Autor des 20. Jahrhunderts mehr Beiträge aufgenommen als von Paul Ernst Ruppel.

Zu Beginn dieses Textes steht der bekannte Lobspruch aus dem 113. Psalm. Wem fällt dabei nicht sofort der vor nunmehr fast siebzig Jahren entstandene Kanon ein? Diesen kennen inzwischen Tausende auswendig und er steht in sehr vielen Lieder- und Gesangbüchern und auch in Schulbüchern. Der Text ist des Kanons wegen in etliche Sprachen übersetzt worden. Ein Kanon, der aus nur einem einzigen C-Dur-Klang besteht.

Die Psalmen sind Paul Ernst Ruppel in späteren Jahren zunehmend wichtiger, ja zum Mittelpunkt seines kompositorischen Schaffens geworden und sind es geblieben, man kann sagen, bis zum letzten Atemzug. Aus den Psalmen hat er bis zuletzt täglich geschöpft. Die Frucht daraus ist ein umfangreiches, inhaltlich kostbares und ausgereiftes Manuskript sehr unterschiedlicher Psalmbearbeitungen.

Alle, die den Kantor und Lobsänger Paul Ernst Ruppel gekannt haben, werden voll Dankbarkeit sein für diesen Menschen und sein Wirken unter uns. Und nachdem er nicht mehr bei uns ist, wird es uns umso bewusster, dass der Lobgesang kein Ende hat: Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn.

Gerhard P. Michael


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